Real-time assistance (RTA) gehört zu den umstrittensten Themen im Online-Poker: Lerntools sind heute normal, aber jede Hilfe, die dich während einer laufenden Hand direkt bei Entscheidungen unterstützt, wird von den meisten großen Pokerrooms als Betrug gewertet. Dabei geht es nicht nur um offensichtliche Solver-Fenster – auch Screen-Sharing, Remote-Zugriff, Automatisierung und Workflows, die den menschlichen Anteil am Entscheidungsprozess während des Spiels reduzieren, stehen im Fokus.
In der Praxis bedeutet RTA jede externe Hilfe, die deine Entscheidung beeinflusst, während du aktiv eine Hand spielst. Dazu zählen Solver-Ausgaben, Range-Charts, Entscheidungsbäume oder jede Anwendung, die dir sagt, was du tun sollst (oder deine Optionen so stark einschränkt, dass es faktisch darauf hinausläuft). Viele Anbieter definieren das bewusst breit als „Hilfssoftware“, die Entscheidungen trifft oder empfiehlt – weil sich der Kernpunkt nicht ändert: Es verschiebt ein Skill-Game in Richtung „Anweisungen befolgen“ und untergräbt damit die Fairness am Tisch.
Gleichzeitig trennen Pokerrooms meist klar zwischen „während des Spiels“ und „außerhalb des Spiels“. Hände nach der Session zu analysieren, Solver-Simulationen auf der eigenen Datenbasis zu laufen zu lassen, Preflop-Ranges zu bauen oder Trainingscontent zu konsumieren, gilt üblicherweise als legitimes Lernen – solange es nicht als Live-Entscheidungsmaschine genutzt wird. Entscheidend ist der Moment des Spiels: Wenn der Client offen ist und du strategische Outputs bekommst, die direkt zu deiner aktuellen Situation passen, bewegst du dich im Hochrisikobereich.
Auch die Art der „Zustellung“ spielt eine Rolle. Viele Räume unterscheiden nicht, ob die Hilfe von Software auf deinem Gerät kommt, über einen zweiten Monitor läuft, in einem Browser-Tool steckt, via Remote-Desktop geliefert wird oder von einer anderen Person im Voice-Call kommt. Wenn es dich in Echtzeit bei Entscheidungen unterstützt, wird es sehr wahrscheinlich als RTA eingestuft.
Wenn du ein Tool verwenden kannst, während der Poker-Client komplett geschlossen ist, bist du meistens auf der sicheren Seite: Ranges erstellen, Simulationen rechnen, Handhistories auswerten und Notizen für spätere Sessions machen. Sobald ein Tool dir während einer laufenden Hand interaktiv sagt, was du tun sollst – „Fold“, „Mix 25%“, „diese Size“ –, solltest du davon ausgehen, dass es verboten ist, auch wenn es sich „Trainer“, „Assistent“ oder „Calculator“ nennt.
Eine einfache, aber wirksame Gewohnheit ist die Trennung in zwei Modi: „Session“ und „Study“. Im Session-Modus bleiben nur erlaubte Basics offen. Im Study-Modus schließt du den Client und nutzt Solver, Trainingsapps und Analyse-Software frei. Diese klare Trennung verhindert, dass aus Versehen Workflows entstehen, die von außen wie Live-RTA aussehen.
Vorsicht gilt auch bei „statischen“ Materialien. Ein ausgedrucktes Preflop-Schema ist nicht dasselbe wie ein Live-Solver, aber wenn du komplexe Postflop-Entscheidungsbäume mitten in Händen konsultierst, wird das inhaltlich schnell als Echtzeit-Unterstützung gewertet. Wer auf Nummer sicher gehen will, behandelt alles, was über einfache, vorbereitete Preflop-Referenzen hinausgeht, als Off-Table-Lernen.
Die meisten Pokerrooms verbieten ausdrücklich Tools, die Entscheidungen empfehlen, Aktionen automatisieren oder Spielen ohne echte menschliche Kontrolle ermöglichen. Dazu kommen häufig Einschränkungen bei Remote-Access- und Screen-Sharing-Software, weil damit Live-Coaching möglich wird oder Kontrollen umgangen werden können. Für Spieler ist das wichtig, weil schon der technische Rahmen wie „Cheating-Infrastruktur“ wirken kann, selbst wenn man nichts Illegales beabsichtigt.
Einige Netzwerke gehen technisch noch weiter: Der Client kann so konfiguriert sein, dass er gar nicht startet, wenn bestimmte externe Hilfsprogramme aktiv sind. Damit wird klar, dass es 2026 nicht nur um nachträgliche Ermittlungen geht, sondern zunehmend um Prävention und automatische Checks – und dass „aus Versehen offen gelassen“ bereits zum Problem werden kann.
Öffentlich bekannte Durchsetzungen prägen ebenfalls die Realität. Große Räume haben Accounts wegen vermutetem RTA gesperrt, was zeigt: Solver-Nutzung in Echtzeit wird nicht als Grauzone behandelt, sondern als schwerer Verstoß. Wer auf langfristige Kontostabilität setzt, sollte deshalb nicht auf „wird schon keiner merken“ bauen, sondern auf saubere Routinen.
Remote-Desktop und Screen-Sharing sind besonders riskant – auch ohne böse Absicht. Viele Anbieter untersagen solche Tools, weil sie es Dritten erlauben, den Screen zu sehen und Entscheidungen zu liefern, oder weil das Spiel über Umgebungen laufen könnte, die Sicherheitsmechanismen aushebeln. Selbst wenn du damit nur „Technik-Support“ machst, kann es in Reviews schlecht aussehen.
Automatisierung führt ebenfalls schnell zu Sanktionen. Seating-Skripte, Auto-Registrierung, automatisiertes Table-Management oder andere Tools, die dir Arbeit abnehmen und menschliche Entscheidungen reduzieren, werden kritisch betrachtet. Auch ohne Solver-Output kann das als unfairer Vorteil gelten – besonders, wenn es Table-Selection oder Handlungsabläufe beeinflusst, die andere Spieler manuell erledigen müssen.
Auch Datapraktiken können gegen Regeln verstoßen. Einige Räume schränken Datamining und das massenhafte Sammeln oder Teilen von Handhistories ein, weil daraus große Gegnerprofile entstehen können, die über „normale“ Informationen aus eigenen Sessions hinausgehen. Das ist zwar nicht RTA im klassischen Sinne, aber inhaltlich ähnlich: Es verschiebt das Spiel weg von fairen Bedingungen.

Pokerrooms verlassen sich selten auf ein einzelnes Indiz. Häufig wird eine Kombination genutzt: clientseitige Checks (verbotene Prozesse, virtuelle Umgebungen, Remote-Tools), Verhaltenssignale (unnatürlich konsistente Linien, Timing-Muster) und Account-Kontext (Device-Wechsel, Standort-Anomalien, ungewöhnliche Session-Längen). Wenn mehrere Faktoren zusammenpassen, startet eine Prüfung oft auch ohne Meldung durch andere Spieler.
Weil die Integritätsmethoden nicht offengelegt werden, ist „nur manchmal“ eine schlechte Idee. Echtzeit-Unterstützung erzeugt Muster: Entscheidungen, die über viele Spots hinweg auffällig nah an optimalen Mischfrequenzen liegen, und Reaktionszeiten, die nicht zu normalem menschlichem Denken passen. Je höher das Volumen, desto stärker werden solche Signale – und desto riskanter wird es.
Die Folgen unterscheiden sich je nach Anbieter und Schweregrad, aber häufig sind temporäre Sperren während der Prüfung, permanente Kontoschließung bei bestätigtem RTA und Einschränkungen bei Auszahlungen, solange eine Untersuchung läuft. Wer sich schützen will, sollte weniger auf Interpretationen aus Foren setzen und mehr auf eine klare, dokumentierte „Study-only“ Nutzung außerhalb laufender Sessions.
Lege dir eine „Clean-Session“-Routine an. Bevor du den Client öffnest, schließt du Solver, Trainer, Range-Browser, Remote-Tools und alles, was als Entscheidungsunterstützung gewertet werden könnte. Wenn du Tracking-Software nutzt, prüfe zusätzlich, ob sie in deinem Room erlaubt ist, und halte die Konfiguration konservativ, damit aus Analyse kein Live-Vorteil entsteht.
Strukturiere deine Lernzeit konsequent nach der Session. Lass Solver-Läufe im Nachgang rechnen, speichere Reports und baue dir kurze Zusammenfassungen, die du später ohne Live-Prompts nutzen kannst. Das hilft nicht nur bei der Regelkonformität, sondern macht dein Lernen oft effizienter, weil du die Hände mit Ruhe und Kontext analysierst.
Wenn du dir bei einem Tool unsicher bist, verlasse dich nicht auf Gerüchte. Lies die aktuellen „Prohibited Software“-Regeln des jeweiligen Pokerrooms und interpretiere vage Formulierungen („jede Software, die Entscheidungen empfiehlt“) lieber streng. 2026 setzt die Branche stärker auf automatisierte Prävention – und damit werden Graubereiche schneller zu echten Risiken.